Pfingsten

Liebe Geschwister, liebe Freunde, am vergangenen Wochenende haben wir Pfingsten gefeiert, das Wetter war herrlich, die Lebensgeister erwachten, kleine Gruppen konnten sich wieder treffen, nachdem die Corona-Einschränkungen etwas gelockert wurden. Aber etwas fehlt noch: wir haben noch keinen gemeinsamen Gottesdienst feiern können. Der Ursprung des Pfingstfestes geht zurück auf ein Ereignis in der Zeit nach Jesu Tod und seiner Himmelfahrt (nachzulesen in der Apostelgeschichte). Es war eine Zeit der Ratlosigkeit und der Neuorientierung für die übrig-gebliebenen Nachfolger Jesu. In der Apostelgeschichte wird von einer Zahl von 120 Leuten berichtet, die regelmäßig in der schon damals höchst internationalen Metropole Jerusalem zum Gebet zusammenkamen. Unter der Leitung der Apostel beschäftigten sie sich erstaunlicherweise gleich zu Beginn mit etwas Formalem, nämlich mit der Nachwahl von dem ausgeschiedenen Judas. Aber es blieb dann vor allem die Frage, wie es ohne Jesus weiter gehen sollte. Jede Besuchergruppe in Jerusalem (Apg.2,9-11) brachte ihre eigene Sprache mit. Verständigt wurde sich vermutlich mit Händen und Füßen und mit einem Minimal-Vokabular auf aramäisch, um das Notwendigste zu regeln! Aber jede Sprache bedeutete im Prinzip eine eigene Welt: sie hatte nicht nur ein eigenes Vokabular, eine eigene Grammatik, eine eigene Aussprache, sondern auch eine eigene Kultur und eigene Denktraditionen. Wer auf einer tiefen Ebene zum Beispiel religiöse Inhalte verstehen wollte, brauchte vermutlich Übersetzer, die in beiden oder mehreren Sprachen zu Hause waren. Bei den vielen Sprachgruppen war in Jerusalem, ähnlich wie heute auch in Frankfurt, ein quirliges Sprachengewirr die Regel. Niemand hatte aber mit dem gerechnet, was dann plötzlich geschah. Das Sprachenwunder überraschte und erschütterte alle Anwesenden, war es doch außerhalb ihrer bisherigen Erfahrung! Angesichts der vielen Sprachgruppen war das Verstehen sicherlich bisher anstrengend gewesen, aber in diesem Augenblick zu Pfingsten war es plötzlich überhaupt nicht mehr mühsam, sondern alle Hürden des Verstehens waren mit einem Mal wie weggeräumt. Es gab endlich keine Verständnislücken mehr, keine Missverständnisse, sondern ein tiefes Verstehen erfüllte alle. Dieses Pfingstwunder belebte alle gleichzeitig und war letztlich der Anfang der christlichen Kirche überhaupt, quasi Gottes Anschub für die neue Kirche und zwar für alle Nationalitäten, die anwesend waren! Seither wirkt der Heilige Geist vielfältig bis heute, aber ich habe mich oft gefragt, warum dieses Wunder sich nicht in der gleichen Form wiederholte. Vielleicht traute Gott nun den Menschen einfach zu, dass sie von dem Zeitpunkt an selbst in der Lage seien, den Prozess der Verständigung untereinander mit Verstand und redlichem Bemühen kontinuierlich fortzusetzen. Das Bild der „Straße des Heiligen Geistes“, mit ihren Stufen aufwärts, illustriert das ein wenig. In der aktuell schwierigen Corona-Pandemie erleben wir auch eine Zeit der Verunsicherung, ja, der Vielfalt von konträren Meinungen, die auseinander zu driften scheinen. Auch wenn wir alle deutsch sprechen, meint man, die Menschen sprechen sehr unterschiedliche Sprachen, so verschieden sind die Ansichten, wenn es auf die Pandemie zu sprechen kommt. Die kontroversen Standpunkte machen auch vor Christen nicht Halt. Manchmal wünschte ich mir hier auch ein Pfingstwunder, durch das wir uns wieder alle verstehen! Aber seit Pfingsten hat uns Gott offensichtlich doch in die Selbständigkeit und damit in die Verantwortung entlassen. Der Heilige Geist möge unser Begleiter bleiben, der uns jeden Tag in, aber auch nach der Corona-Krise wieder ermutigt zu einem tieferen Verstehen Gottes und unserer menschlichen Situation. Wir können uns schon darauf freuen, wenn wir uns bald wieder im Bibelgespräch persönlich austauschen und dort Verständigung und Verstehen im Respekt voreinander lebendig praktizieren werden. Interessante Anregungen zum Gespräch bekommen wir in der Zwischenzeit am Sabbat u.a. auch im Talk des Hope-TV-Gottesdienstes. Einen herzlichen Gruß sendet Euch diesmal Petra

P.S.: Die Gottesdienste im Hope-TV werden übrigens bis zum 11.07.20 fortgesetzt.